Dienstag, Juni 28, 2016

Der Brexit trifft auch die deutsche Wirtschaft. Schließlich drohen nun Zölle, Bürokratie - und eine Verteuerung hiesiger Exporte durch den Verfall des britischen Pfunds. Was sagen Firmen und Verbände?

Von Jan Philipp Burgard, WDR


Als Unternehmer ist Klaus Meng es gewohnt, auf unvorhersehbare Entwicklungen zu reagieren. Doch der Brexit stellt selbst Meng mit seiner Bochumer Software-Firma Scisys vor bisher ungekannte Herausforderungen. Etwa die Hälfte seines Umsatzes macht er in Großbritannien. "Wir sind im besten Sinne ein deutsch-britisches Unternehmen", sagt Meng, "wir sind sogar an der Londoner Börse notiert"

.Doch bald müssen Meng und seine Mitarbeiter womöglich wieder Visa beantragen, wenn sie auf die Insel reisen. "Auch, dass wir irgendwann wieder Handelsbeschränkungen wie Zölle haben könnten, schien mir unvorstellbar. Aber jetzt müssen wir damit umgehen."

"Der Brexit ist ein Schlag ins Kontor"

Scisys ist eines von mehr als 2500 deutschen Unternehmen mit einer Niederlassung in Großbritannien. Dort beschäftigen deutsche Firmen insgesamt rund 370.000 Mitarbeiter. Großbritannien ist für Deutschlands Exporteure zudem der drittwichtigste Absatzmarkt nach den USA und den Niederlanden. Für circa 90 Milliarden Euro liefern deutsche Unternehmen pro Jahr Waren und Dienstleistungen nach Großbritannien. Ein schwaches Pfund könnte die deutschen Produkte teurer machen.

Außerdem treiben die drohenden Einfuhrzölle vielen deutschen Unternehmen Sorgenfalten auf die Stirn. Für die deutsche Wirtschaft sei der Brexit ein "Schlag ins Kontor", sagt Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). "Bei den Verhandlungen ist wichtig, dass das Gesamtpaket stimmt: Die deutschen Unternehmen haben ein hohes Interesse an guten wirtschaftlichen Beziehungen zu Großbritannien. Von diesem Geschäft sind bei uns mehrere hunderttausend Arbeitsplätze abhängig. Wir müssen bei den Verhandlungen mit Großbritannien aber auch im Auge behalten, dass Europa zusammenbleibt. Denn die deutsche Wirtschaft ist auf den Fortbestand des Binnenmarktes insgesamt angewiesen", so Schweitzer.

"Der Handel dürfte leiden"

Besonders die deutschen Autobauer könnte der Brexit hart treffen. Laut Branchenverband VDA ist Großbritannien für die deutsche Automobilindustrie das weltweit größte Exportland. "Nach einem EU-Austritt sollte niemand Interesse daran haben, mit Zollschranken zwischen Großbritannien und dem Festland den internationalen Warenverkehr zu verteuern", warnt etwa der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie, Matthias Wissmann. Allein BMW verkaufte im vergangenen Jahr mit 236.000 Fahrzeugen mehr als ein Zehntel seiner Gesamtproduktion nach Großbritannien.

Auch die deutsche Chemie- und Pharmaindustrie, die 2015 im Vereinigten Königreich 13 Milliarden Euro umsetzte, fürchtet in Zukunft ein schwächeres Exportgeschäft. Der Bund der deutschen Industrie erklärt, dass der drohende Verlust des Zugangs zum Binnenmarkt die britische Wirtschaft und damit auch deutsche Unternehmen mit Geschäft im Vereinigten Königreich "hart und unmittelbar" treffen werde.

"Wir erwarten in den kommenden Monaten einen deutlichen Rückgang des Geschäfts mit den Briten", so BDI-Hauptgeschäftsführer Markus Kerber. "Der bilaterale Handel dürfte leiden. Neue deutsche Direktinvestitionen auf der Insel sind kaum zu erwarten." Das europäische Unternehmen Airbus hat bereits erklärt, Investitionsvorhaben in Großbritannien zu überdenken.

Profitiert wenigstens Frankfurt vom Brexit?

Am offensichtlichsten leiden unter dem Brexit bislang die Banken. So ist die ohnehin gebeutelte Aktie der Deutschen Bank seit dem Referendum um weitere rund 20 Prozent eingekracht, ähnlich hart hat es die Commerzbank getroffen. Trotzdem gibt es Experten, die hoffen, dass der Finanzplatz Frankfurt vom Brexit letzten Endes sogar profitieren könnten.

So geht die Standort-Lobby "Main Finance" davon aus, dass in den kommenden fünf Jahren rund 10.000 Arbeitsplätze von London nach Frankfurt verlagert werden könnten. Ein Grund: Der Brexit könnten Banken aus regulatorischen Gründen zwingen, bestimmte Handelsabteilungen aus London abzuziehen. So kann die Deutsche Bank etwa ihren Handel mit Staatsanleihen aus dem Euroraum wohl nicht mehr von London aus abwickeln, wenn Großbritannien nicht mehr der EU angehört.

http://www.tagesschau.de/wirtschaft/brexit-wirtschaft-101.html

Etiketten: Brexit, Firmen

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