Mittwoch, Juni 29, 2016

Der Brexit wirbelt das Programm eines der weltweit wichtigsten Treffen von Notenbankern durcheinander. Reihenweise hagelt es Absagen für das laufende EZB-Forum in Sintra. Sogar Gastgeber Draghi ist bereits abgereist - er muss Krisengespräche in Brüssel führen.

Von Klaus-Rainer Jackisch, ARD-Börsenstudio, zzt. Sintra

Eigentlich ist es wie immer: Die Sonne scheint. Der Himmel ist blau. Leicht wiegen sich die Pinien im Wind, der vom nahen Atlantik herüberweht. Penha Longa, das Luxus-Ressort einer bekannten Hotelkette in der Nähe von Sintra, knapp 20 Kilometer von Portugals Hauptstadt Lissabon entfernt, hat sich herausgeputzt für die rund 150 Top-Notenbanker und Wissenschaftler aus aller Welt. Zum dritten Mal sind sie hierher gereist, um über die Zukunft der Notenbanken und ihre Geldpolitik zu debattieren.

Doch irgendwie ist dieses Mal alles anders. Er sei "von Traurigkeit erfüllt" gewesen, als er die Nachricht vom Brexit vernommen habe, sagte EZB-Präsident Mario Draghi zur Eröffnung der dreitägigen Veranstaltung. Traurigkeit beschreibe die Lage am besten, wenn man Zeuge von Veränderungen dieser Tragweite werde, so der Gastgeber. Doch das war auch alles zum Thema. Offiziell gibt es von der EZB keinen Kommentar zum Brexit. Man hält sich mit öffentlichen Aussagen lieber zurück.

Gastgeber Draghi ist gleich wieder abgereist

Auf den Gängen, in den Fluren und an den Tischen ist der anstehende Austritt Großbritanniens aus der EU natürlich das Top-Gesprächsthema der Konferenz - ein Thema, das dieses Mal das Forum auch fast sprengt. Denn viele sind wegen des Brexits gar nicht angereist, andere haben kurzfristig abgesagt. Auch Gastgeber Draghi machte sich nach einer wenig engagierten Grundsatzrede gleich wieder auf, um nach Brüssel zu jetten. Dort muss er Europas politischer Elite erklären, warum der anstehende Brexit die Finanzmärkte durcheinanderwirbelt und bereits Milliardenwerte vernichtet hat.

Auch sonst wurde das Programm des EZB-Forums zusammengestrichen. Mit Spannung hatte man auf Mark Carney gewartet, den Gouverneur der Bank of England. Doch der hat abgesagt, weil er alle Hände voll zu tun hat, um das britische Pfund zu retten. Nach dem Referendum in Großbritannien stürzte die Währung auf den tiefsten Stand seit dreißig Jahren. Der 51-jährige Carney pumpte viel Geld in die Märkte, um das Pfund zu stützen. Doch es war klar, dass dies nicht viel helfen würde. Denn die "Little England"-Ideen von Brexit-Befürwortern wie Boris Johnson und Co. bringen Großbritannien nicht zu neuer Größe, sondern führen das Land eher in den Ruin.

Bloß nichts Falsches sagen

In Londons Bank of England jagt eine Krisensitzung die andere. Nun denkt angeblich auch Carney über seinen Rücktritt nach. Janet Yellen, Chefin der US-Notenbank Federal Reserve, ohnehin für ihr Zögern und Zaudern bekannt, bekam auch gleich kalte Füße. Eigentlich wollte sie ebenfalls in Sintra erscheinen, um über die unterschiedlichen Zins-Niveaus zwischen Europa und den USA zu debattieren. Doch in der jetzigen Situation war ihr das zu heikel. So stieg sie in Basel, wohin sie zu einem Treffen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich - also der Zentralbank der Zentralbanken - gekommen war, gleich wieder in ihre Limousine und ließ sich zum Flughafen bringen. Bloß weg, bloß zurück nach Washington, bloß nichts Falsches sagen.

Die Notenbanker der Welt sind in hellem Aufruhr und in großer Sorge. Offiziell dürfen sie sich das natürlich nicht anmerken lassen. Aber die Brexit-Folgen für die Finanzmärkte und die Europäische Union sind dramatisch. Niemand weiß, ob sie mittelfristig nicht das ohnehin völlig marode Finanzsystem in Europa aus den Angeln heben. Aber niemand will sich den Mund verbrennen, alle halten sich mit Kommentaren zurück. In gewisser Weise ist das EZB-Forum in Sintra somit dieses Jahr auch ein Opfer des britischen Referendums.

Das vor knapp drei Jahren mit viel Euphorie und Trara aus der Taufe gehobene Treffen der Notenbank-Elite wird vom Ausgang des Brexit-Referendums überrollt. Die EZB hatte das hochkarätig besetzte Treffen initiiert, um eine ähnlich renommierte Veranstaltung zu etablieren, wie die US-Notenbank dies bereits seit Jahrzehnten im nordamerikanischen Jackson Hole tut - bislang auch mit Erfolg. Doch dieses Mal ist eben alles anders. Während die Sonne über den Hügeln strahlt und der Himmel blau leuchtet wie immer, hat sich die Welt verändert. Der Brexit bestimmt alles - auch rund 1500 Kilometer von London entfernt im lieblichen Sintra.

http://www.tagesschau.de/wirtschaft/ezbforum-sintra-brexit-101.html

Etiketten: Brexit

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