Freitag, Juli 01, 2016

Dass Boris Johnson nicht Premier werden will, war die eine Überraschung gestern. Die zweite war, dass Justizminister Gove seinen Hut in den Ring warf - ein überzeugter Brexiter, über den die Briten dank seiner Gattin auch privat bestens informiert sind.

Von Gabi Biesinger, ARD-Studio London

Nachdem gestern den ganzen Tag lang nur aufgeregt über Michael Gove gesprochen worden war, traute sich der Überraschungskandidat für das Amt des Premierministers, am Abend dann doch noch vor die Fernsehkamera. Er erklärte, was für eine Art Premierminister er sein möchte, falls er die Wahl gewinnt: "Wir brauchen eine gerechtere Gesellschaft", so Gove. "Die Menschen, die den Brexit gewählt haben, haben Wandel gewählt, die Benachteiligten und Abgehängten. Ich möchte für jeden in diesem Land regieren, ich möchte heilen und zusammenführen."

Wenig herzliche Worte für Streikende

So versöhnliche Töne waren nicht immer Goves Sache. Nach den Unterhauswahlen 2010 hatte David Cameron seinen langjährigen Freund Gove, der Pate seines verstorbenem Sohns Ivan war, zum Bildungsminister ernannt. Als ein Jahr später die Lehrer für höhere Pensionen stritten, fand Gove wenig herzliche Worte für die Streikenden. "Militante Hardliner, die auf Ärger aus sind", sagte er damals.

Die Lehrergewerkschaft war not amused: "Wir wollen keinen Ärger sondern Einigung. Aber dann müsste Michael Gove auch mitmachen", hieß es von ihr. Gove wurde immer mehr zum Buhmann für die Lehrer.

Meinung geändert - angeblich erst am Donnerstag

2014 zog Cameron Gove schließlich von diesem Amt ab. Erst wurde er Fraktionsvorsitzender der Konservativen, nach der Wahl 2015 schließlich Justizminister. Dass Gove sich im Vorfeld der Brexit-Entscheidung gegen seinen engen Freund Cameron stellte und gemeinsam mit Boris Johnson die Leave-Kampgane anführte, soll Cameron hart getroffen haben.

Und jetzt könnte Gove dem am Brexit gescheiterten Cameron sogar als Regierungschef nachfolgen. Die fraktionsinternen Brexiter, die sich zunächst hinter Boris Johnson versammelt hatten, laufen jetzt zu Gove über - so wie Jacob Rees-Mogg. "Er wird bestimmt ein großartiger Parteichef und Premierminister“, sagt Rees-Mogg. 

Dass Gove je hinter der berühmten Haustür in "Number 10 Downing Street" wohnen könnte, hatte der Oxford-Absolvent bisher immer zurückgewiesen. Noch im Brexit-Wahlkampf Anfang Juni hatte er in einer Fernsehdebatte gesagt, es gebe eine ganze Reihe geeigneter Leute, die David Cameron nachfolgen könnten, "aber schließt mich aus". Erst in der Nacht vor Ablauf der Nominierungsfrist am Donnerstag soll Gove dann seine Meinung geändert haben - sehr zögerlich - weil er das Vertrauen in Boris Johnson verloren hatte.

Eine E-Mail - angeblich aus Versehen


Gove gilt als neokonservativ, vertritt aber auch liberale Werte, indem er etwa die Homoehe unterstützt. Was sich bei Michael Gove zu Hause in den eigenen vier Wänden abspielt, das erfährt die britische Öffentlichkeit übrigens regelmäßig in der Zeitungskolumne seiner Frau Sarah Vine. Die Journalistin schreibt für die konservative "Daily Mail" und setzt ihren Mann dabei stets gezielt in Szene.

Am Mittwoch war - angeblich versehentlich - eine E-Mail öffentlich geworden, in der sie ihren Mann auffordert, bei Boris Johnson genug rauszuschlagen, als Preis für die Unterstützung von dessen Kandidatur. Dieses Problem hat sich jetzt erledigt. Man darf gespannt sein, ob Sarah Vine nach einem Umzug in die Downing Street auch weiter aus dem Nähkästchen plaudern würde.

http://www.tagesschau.de/ausland/gove-portraet-101.html

Etiketten: Brexit

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